Schläft ein Lied – in allen Dingen

«... die da träumen fort und fort – und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.»

Dieses bekannte Eichendorff Gedicht war im Wohnzimmer von Benedetg Dolf angeschlagen und ist unserem Dirigenten Christian Klucker aufgefallen, als dieser knapp ein Jahr nach Dolfs Tod, im Rahmen seiner Maturaarbeit über Benedetg Dolf dessen Wohnhaus in Rofels besuchte. Die Erinnerung daran bewegte ihn dazu, das Projekt mit Dolfs Liedern mit diesem Wortlaut zu betiteln. Viele der für diese Konzert­reihe ausgesuchten Kompositionen Benedetg Dolfs wurden vermutlich noch nie zuvor oder dann nur sehr selten aufgeführt. Bei den von incantanti ins Konzertprogramm aufgenommenen Werken handelte es sich somit grösstenteils um Uraufführungen von Chorwerken, welche wir aus dem ewigen Schlaf zu wecken hoffen, damit sie in Zukunft auch von anderen Chören interpretiert werden.

Nach dem Projekt 2013 mit Liedern Tumasch Dolf widmete sich das Vokalensemble incantanti den Kompositionen seines Sohnes Benedetg. Der Schamser Komponist schuf bis zu seinem Tod 1985 über 900 Lieder für Chor, zahlreiche Sololieder, Klavier-, Kammermusik- und Orchester­werke. Es war eine grosse Herausforderung, eine Liedauswahl aus dieser Vielzahl von Werken zu treffen und dabei möglichst alle Schaffensphasen zu berücksichtigen.
Benedetg Dolfs Musik zeichnet sich durch eine charakteristische Klangsprache aus. So hat Dolf für jeden Dichter eine eigene Klangsprache entwickelt. Der kriegsgeprägten herben Sprache Huggenbergers steht die bildhafte, metaphorische Sprache des ehemaligen Bündner Seminardirektors Martin Schmid entgegen, was sich direkt auf die Art der Komposition und der Melodieführung niederschlägt. Benedetg Dolf hat mit grossem Aufwand, deutsche und romanische Textperlen aus dem Kanton Graubünden aufgespürt und diese anschliessend vertont – gleichzeitig bediente er sich aber auch immer wieder des Schatzes der Weltliteratur, indem er Gedichte von Eichendorff und Goethe aufgriff.
Mit diesem Projekt begab sich das Vokalensemble incantanti auf die Spurensuche von Benedetg Dolf. Es tauchte in seine Klangwelt ein und verlieh dieser Ausdruck. Mit Konzerten in Andeer und Tamins erklangen Dolfs Lieder an zwei zentralen Wirkungsstätten des Schamser Komponisten, Orten, welchen zugleich auch unser Dirigent sehr verbunden ist.

Die Zusammenarbeit mit dem Schamser Klarinettisten Josias Just knüpfte weiter an die örtliche Verbundenheit mit Benedetg Dolf an. Der professionelle Soloklarinettist begleitete die «sept comptines de l'oiselier» des Genfer Komponisten Jean Binet, welche als Kontrast zur einheimisch-romanischen Literatur in unserem Konzertprogramm zu finden waren.

Das Vokalensemble incantanti bezeichnet die beiden Schamser Komponisten – Tumasch und Benedetg Dolf – gerne als seine «Hauskomponisten». Es gibt kaum ein Programm, in welchem nicht wenigstens einer der beiden vertreten ist. Das zeigt, dass es dem Ensemble ein grosses Anliegen ist, diese grossartige Musik zu pflegen, bekannter zu machen und über die Grenzen des Kantons Graubünden hinauszutragen. Es würde uns freuen, wenn unser Projekt junge Bündner Komponisten dazu animiert, die Tradition des Bündner Volkslieds weiterleben zu lassen und neue musikalische Perlen zu schaffen. Dolf vertrat die Ansicht: «Kultur ist das, was man selber macht.» Unser Dirigent und das Vokalensemble incantanti verkörpern dieses Gedankengut. Alles was wir tun, ist Teil der einheimischen Kultur. Offensichtlich zeigt sich das an unseren Konzerten. Aber auch das Singen an sich, während und nach den Proben, bei grösseren Anlässen oder im kleinen Rahmen – überall lebt die hiesige Tradition auf und bringt ein heimatliches Lebensgefühl zum Ausdruck.
Neben den Konzerten vom 26.-28.08.2016 in Chur, Andeer und Tamins wurde einige Wochen später in Zusammenarbeit mit dem romanischen Radio und Fehrnsehen RTR eine CD mit Dolfs Liedern eingespielt. Somit ist nun nach "Tumasch Dolf 1889 - 1963" auch eine Liedersammlung seines Sohnes Benedetg auf CD verfügbar "Benedetg Dolf 1918 - 1985".

Konzerte:
Freitag 26.08.2016; 20:00 Uhr in der Heiligkreuzkirche Chur
Samstag 27.08.2016; 20:00 Uhr in der Reformierten Kirche Andeer (angepasstes Programm - Kirchfest Andeer)
Sonntag 28.08.2016; 17:00 Uhr in der Kirche Tamins

 

CD Taufe «BENEDETG DOLF — 1918-1985»

Wer am vergangenen Samstag in der Kirche Tamins eine klassische Champagnerdusche erwartet hatte, wartete vergeblich auf den Einsatz des Prickelwassers aus der Magnumflasche. Das Vokalensemble incantanti konnte nach monatelanger Arbeit seine neue CD mit den Liedern vom Schamser Komponisten Benedetg Dolf präsentieren. Zu Beginn der CD Taufe blickte Dirigent Christian Klucker auf den Anfang des Projekts zurück und wie er dazu kam, nach Tumasch Dolf (2013) in diesem Jahr ein Projekt mit den Kompositionen von dessen Sohn Benedetg Dolf zu lancieren. Der auf den Namen Benedikt getaufte Musiker und Theologe war ein sehr bescheidener und zurückhaltender Mensch. Dies führte wohl dazu, dass viele seiner rund 900 Kompositionen je aufgeführt wurden. incantanti setzte sich mit diesem Projekt zum Ziel, seine Werke neu aufzugreifen, zu verbreiten und andere Chöre damit anzuregen, diese in Vergessenheit geratenen Kompositionen in das eigene Repertoire aufzunehmen.
Andreas Gabriel bedankte sich im Namen der Lia Rumantscha für den grossen Beitrag zur Pflege und Erhaltung des romanischen Kulturguts, den das Vokalensemble incantanti mit diesem Projekt leistet. Etwas, was getauft wird, braucht bekanntlich auch einen Taufpaten oder Götti. Für diese Aufgabe konnte mit Bernard Cathomas, dem ehemaligen Direktor der Pro Helvetia und des romanischen Radio und Fernsehens RTR, jemand gefunden werden, der Benedetg Dolf nicht nur persönlich kannte, sondern am Lehrerseminar in Chur sowohl als Schüler als auch als Lehrerkollege mit ihm zusammengearbeitet hatte. Um ein hohes Mass an Qualität zu erreichen genüge es nicht, wenn die Sängerinnen und Sänger «incantanti» - sprich verzaubernd – seien. Die jungen Menschen müssten selbst auch verzaubert – oder eben «incantati» sein, wandte sich Bernard Cathomas an die Mitglieder des Vokalensembles. Ausgeschmückt mit einigen Anekdoten aus der gemeinsamen Zeit, vollführte er abschliessend ein Taufritual ganz im Sinne Benedetg Dolfs – etwas spirituell angehaucht, eher unscheinbar, aber dennoch bedeutend.
Im Anschluss liessen alle Beteiligten vor der Kirche Laternen in den Himmel steigen und markierten damit symbolisch den Startschuss zur Verbreitung von Benedetg Dolfs Liedern, welche durch diese CD neuen Auftrieb erhält.