«A Prayer for Mother Earth» Carnegie Hall NY

Vom 24. – 30. Mai reiste ein Grossteil des Ensembles mit Unterstützung einiger Ehemaliger nach New York, USA. Im Juni 2015 erreichte uns die Einladung des Tessiner Komponisten Ivo Antognini, an der Uraufführung seiner Auftragskomposition «A Prayer for Mother Earth» in der Carnegie Hall mitzuwirken. Zusammen mit 100 SängerInnen, einem Kinderchor und einer Solosopranistin hatten wir die Ehre, im Stern Auditorium / Perelman Stage dem Hauptsaal eines der wohl bekanntesten Konzerthäuser Amerikas aufzutreten. Begleitet wurde das Werk vom Komponisten persönlich (Piano) und dem New England Symphony Ensemble unter der Gesamtleitung des Gastdirigenten Andrew Crane.

Das Bündner Tagblatt und die La Quotidiana berichteten in einer Serie täglich von den Geschehnissen aus Übersee. Lesen Sie hier die einzelnen Beiträge:

Incantanti berichtet aus New York (Tag 1)

Ausgeflogen im wahrsten Sinne des Wortes ist das Vokalensemble Incantanti. Gemeinsam mit Dirigent Christian Klucker sind die jungen Bündner Sängerinnen und Sänger am Dienstag nach New York gereist. Dort bereiten sie sich auf das Konzert in der Carnegie Hall am Samstag vor. Incantanti wird an der Uraufführung von Ivo Antogninis Werk «A Prayer for Mother Earth» mitwirken – zusammen mit 100 weiteren Sängerinnen und Sängern und dem New England Symphonic Ensemble unter der Leitung von Andrew Crane. Incantanti-Dirigent Klucker wird sich unter seinen Chor mischen und selber mitsingen. Neben Probenarbeit und Konzert nutzen die jungen Leute die Gelegenheit, sich die pulsierende US-Metropole anzusehen. Täglich im BT wird Claudio Rohrbach darüber berichten. Zum Auftakt der knapp einwöchigen Serie erzählt der Sänger und Medienverantwortliche des Bündner Chores von Anreise und Ankunft in New York.

Die Teilnahme am Europäischen Chorfestival für die Jugend (EMJ) 2014 in Neerpelt (Belgien) hat dazu geführt, dass das Vokalensemble incantanti in der Vergangenheit immer öfter auf internationalem Parkett wahrgenommen wird. Als sich der Tessiner Komponist Ivo Antognini vor rund einem Jahr mit einer Anfrage aus Übersee an den Jugendchor aus Graubünden wandte, war die Freude entsprechend gross. Gleichzeitig waren die rund 25 Sängerinnen und Sänger nicht minder überrascht, als sich herausstellte, dass sie diese Einladung in das rund 6500km entfernte New York führen würde. Antognini wurde beauftragt, ein Stück für ein Konzert der Mid America Productions zu komponieren, welches am 28. Mai 2016 in der Carnegie Hall in New York stattfindet. Der Tessiner Komponist wünschte nun, dass das Vokalensemble incantanti als Vertreter seiner Heimat Schweiz an der Urauführung in New York teilnimmt. Für das junge Vokalensemble ist diese Einladung eine riesen Ehre und sicherlich auch ein Privileg, wenn man bedenkt, was für einen Ruf die Konzerthalle mitten im New Yorker Stadtbezirk Manhattan geniesst. Incantanti hat diese einmalige Chance nutzen können und wird kommenden Samstag zusammen mit 100 weiteren Sängerinnen und Sängern, unter der Begleitung des New England Symphonic Ensemble, die Uraufführung Antogninis «A Prayer For Mother Earth» bestreiten.

Dienstag Morgen 05:00 Uhr: Die Sängerinnen und Sänger des Vokalensemble incantanti besammeln sich am Bahnhof in Chur und treten gemeinsam die Reise in die USA an. Um kurz nach 10:00 Uhr hebt der SWISS Flug LX 16 in Zürich Kloten ab und erreicht rund 8,5h später den New Yorker Flughafen JFK. Um 13:00 Uhr Ortszeit begeben sich die Reisenden mit dem Taxi Richtung Midtown Manhattan und bestaunen ein erstes Mal die eindrückliche Skyline der New Yorker Innenstadt. Der erste Programmpunkt führt die Incantantis sogleich zum weltberühmten Times Square. Nach einer etwas improvisierten Probe im Gang des achten Hotelstocks blieb den Schweizern genügend Zeit für eine erste Erkundungstour im Zentrum, bevor sich die Mitglieder des Vokalensemble incantanti in ihr Hotel zurück zogen, um sich von der anstrengenden Reise zu erholen.
Lesen Sie morgen, wie es den Incantantis am zweiten Tag ihrer New York Reise ergeht, wenn nebst einem gemeinsamen Musicalbesuch am Broadway eine Einladung des Schweizer Botschafters auf die Sängerinnen und Sänger wartet.

Incantanti zu Besuch beim Schweizer Generalkonsul (Tag 2)

Morgens um 08:00 Uhr fanden wir uns in der Hotellobby ein, um der Einladung des Schweizer Generalkonsuls André Schaller nachzukommen. In freudiger Erwartung auf den Empfang des Botschafters machten wir uns mit der U-Bahn auf den Weg Richtung Columbus Circle in der 59th Street. Einmal quer durch den Central Park führte uns anschliessend der Fussweg zur Park Avenue, wo uns Botschafter Schaller bereits gespannt erwartete. Sogleich wurden wir zu einem reichhaltigen Frühstücksbuffet geführt und nahmen Platz im Saal der Residenz. Es folgte eine kurze Ansprache unseres Gastgebers, in welche er ein Stück Schweizer Nostalgie in Form einer Kuhglocke verpackte. Wir nutzten dieses Stilmittel sogleich als Aufhänger, um uns mit dem humoristischen Stück «Mona Mu» von Oliver Gies in musikalischer Form für die Einladung zu bedanken. Unter den Anwesenden war auch der New Yorker Jonathan Griffith. Er ist Gründer und erster Dirigent der Distinguished Concerts International New York, welche als Dachorganisation für die Durchführung von Konzerten in der Carnegie Hall und der Lincoln Hall verantwortlich ist. Bereits am Nachmittag trafen sich Dirigent Christian Klucker und Mitglieder des Vereinsvorstand mit Griffith, um Möglichkeiten für eine zukünftige Zusammenarbeit zu prüfen. Während dessen nutzte der Rest des Chores die Zeit, um mit Touristenbussen die New Yorker Innenstadt näher zu erkunden. Von einem Nachmittag in der prallen Sonne vollständig durchgebraten trafen wir uns am Abend vor dem Brooks Atkinson Theatre. Gemeinsam besuchten wir dort das Musical «Waitress» von Sara Bareilles. Es handelt von der Kellnerin Jenna Hunterson, welche durch die Teilnahme an einem Backwettbewerb einen Ausweg aus ihrer unglücklichen Ehe sucht. Eine unerwartete Schwangerschaft und eine Affäre verleihen dem Stück in der Folge die nötige Würze. In Gedanken noch immer beim Finale des berauschenden Musicals erwartete uns zurück in der Hotellobby eine Liveband, mit welcher wir den Abend ausklingen liessen.

Tag 3 in New York: Incantanti probt

Für die einen beginnt der Tag mit einem gemütlichen Spaziergang in der noch frischen Morgenluft, während andere sich im Fitnessraum des ROW Hotels in Form halten. Nach dem Frühstück auf den Strassen New Yorks finden wir uns um 08:30 Uhr zum Report in einem der unzähligen Säle des Grand Hyatt Hotels an der 109 East 42nd Street ein. Zum ersten Mal treffen wir auf unsere Mitstreiter und lernen sowohl die Verantwortlichen Organisatoren, wie auch den Dirigenten Crane persönlich kennen. Schon während dem Einsingen wird uns schlagartig klar, dass hier zwei unterschiedliche Gesangskulturen aufeinandertreffen. Für uns zwar im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, aber gleichzeitig eine weitere spannende Erfahrung. Wir dürfen mit Freude feststellen, dass wir uns ausreichend auf dieses Abenteuer vorbereitet haben. Der Fokus der ersten Tutti Probe liegt an diesem Morgen fürs Erste auf Rhythmus und Klangfarbe. Für den Nachmittag sind nacheinander je eine Registerprobe für die Sängerinnen und Sänger geplant. Während sich die Damen die freie Zeit mit einem Besuch in der Grand Central Station und anschliessendem Shopping Trip vertreiben, machen sich die Herren auf den Weg in den Norden der Stadt. Der New Yorker Stadtteil Harlem unterscheidet sich deutlich von der hektischen Innenstadt. Vergleichsweise leer erscheinen die Strassen nördlich der 96th Street zwischen den eher niedrigen Wohnbauten rund um das sogenannte Manhattan Valley.
Für den Abend haben wir uns zum Nachtessen erneut mit den ortsansässigen Jonathan Griffith und Iris Derke (Inhaber der Distinguished Concerts International New York) verabredet. Während wir für die beiden einige Lieder zum Besten geben, werden wir kurzer Hand für ein Geburtstagsständchen eines anderen Gastes eingespannt. Viele Gäste bedanken sich gerührt für unseren musikalischen Beitrag – der Restaurant Manager spricht sogar von der «besten musikalischen Darbietung» die je in seinem Restaurant stattgefunden hat. Im Anschluss an das typisch amerikanische Diner begeben wir uns auf das Dach des berühmten Rockefeller Centers, um die Skyline der nächtlichen Millionenmetropole aus luftiger Höhe zu bestaunen. Das spontane Konzert hoch über den lärmigen Strassen New Yorks bleibt den incantantis als intensiver Moment und erster emotionaler Höhepunkt in Erinnerung. In kürzester Zeit sammeln sich zahlreiche Besucher um den Kreis der rund dreissig Schweizer, welche zum Schluss einen rührenden Applaus entgegen nehmen dürfen.

Incantanti in New York: Der grosse Auftritt (Tag 5)

Dem Bündner Vokalensemble incantanti wurde am vergangenen Samstag eine sehr grosse Ehre zu Teil. Die rund dreissig Sängerinnen und Sänger aus dem Raum Chur durften auf Einladung des Tessiner Komponisten Ivo Antognini in der weltberühmten Carnegie Hall an der 57th Street and Seventh Avenue in New York City auftreten. Anlass dafür war die Weltuhraufführung von Antogninis Werk «A Prayer For Mother Earth», welches er im Auftrag der Mid America Productions Inc für deren Konzertreihe «Ensemble Spotlight Series» komponiert hat. Im dritten und letzten Konzertteil wurde incantanti Teil einer einmaligen Kooperation, an welcher sich neben dem Bündner Vokalensemble drei Formationen aus dem Raum New York und eine aus Texas beteiligten. Antogninis Werk für Gemischtenchor, Kinderchor, Solosopran und Orchester wurde vom New England Symphonic Ensemble und dem Komponisten persönlich am Piano begleitet. Die Solopartie interpretierte die Sopranistin Jessica Sandidge. Am Dirigentenpult stand der amerikanische Dirigent und Solist Andrew Crane. Das Projekt war für die jungen Stimmen aus der Schweiz ein grandioses Abenteuer. Durch die Beteiligung verschiedener Generationen – vom Kinderchor der High School bis zum Chor mit Mitgliedern im gesetzten Alter – fand ein kurzer, aber doch intensiver Kulturaustausch statt.
Wie bereits in einem vorausgehenden Bericht erwähnt, war es für uns Europäer interessant, die zum Teil vibratogeprägte Gesangskultur der Amerikaner zu entdecken. Dem Dirigenten Crane ist es gelungen, aus einer heterogenen Zusammensetzung unterschiedlicher Akteure eine Einheit zu formen. Gegenüber der letzten Probe vom Freitag, hat der Chor noch einmal stark an Klanglichkeit und Präzision zulegen können, was neben der Begleitung des Orchesters sicherlich auf die grossartige Akustik des Stern Auditoriums zurückzuführen ist. Im Allgemeinen war das Betreten der Perelman Stage im 2'700 Personen fassenden Konzertsaal ein Höhepunkt für sich. Obwohl einige Familienangehörige der incantantis mit nach New York reisten, war es für das Bündner Vokalensemble ein Auftritt in der Fremde. Der gewohnte Kontakt zum Publikum und dessen Resonanz blieb aus. So erlebten die Sängerinnen und Sänger diesen einmaligen Moment mit einer gewissen professionellen Distanz, welche durch den straff geführten Zeitplan weiter verstärkt wurde.

Es freut uns sehr, dass der Schweizer Komponist zum Schluss seiner Premiere in der Carnegie Hall mit einer Standing Ovation verabschiedet wurde. Während dem ganzen Projekt durften wir sehr von der engen Zusammenarbeit mit Ivo Antognini profitieren. Gespannt verfolgen wir seinen weiteren Weg auf dem Parkett der internationalen Chormusik – auf dass er sich in Zukunft wieder einmal mit dem unseren kreuzt. 

Tag 4 und 6 in New York: Proben und Sightseeing

Am Vorletzten Tag unserer Reise steht neben reichlich individueller Freizeit als letzter offizieller Programmpunkt die Besichtigung der Freiheitsstatue auf der Liberty Island auf dem Tagesplan. Gemeinsam warten wir in der gleissenden Vormittagssonne auf die Fähre, welche uns zur kleinen vorgelagerten Insel bringen soll. Das Schiff bekommt plötzlich reichlich Schlagseite, als wir uns dem New Yorker Wahrzeichen von der Steuerbordseite nähern. Alle möchten gleichzeitig ihre Erinnerungsfotos schiessen – der Hinweis des Kapitäns, dass das Schiff sogleich wenden wird und auch die Passagiere auf der anderen Seite ihre Chance bekommen würden, wird in der allgemeinen Hektik vollständig überhört. Am Abend treffen wir uns zum Abschluss im einzigen 360° Drehrestaurant der Stadt. Im 48. Stockwerk des Marriott Marquis Hotel an der 45th Street Broadway geniessen wir die Rundumsicht auf die New Yorker Innenstadt – allerdings ohne Dirigent Klucker, welcher bereits am Nachmittag aus beruflichen Gründen zurück in die Schweiz gereist ist.

Am Freitag, dem Tag vor unserm grossen Auftritt waren wir alle noch einiges angespannter gewesen. Bevor wir am Nachmittag zur letzten Probe vor dem Konzert antreten, besuchen wir das Ground Zero Memorial. Eine andächtige Stille übermannt uns, als wir das Areal betreten, wo vor dem 11. September 2001 die beiden Schwestertürme gestanden haben. Heute ragt das One World Trade Center weit über die beiden wasserüberströmten Grundrisse der Twin Towers hinaus und wirkt wie ein stiller Wächter des Gedenkens. Auf Empfehlung von ortsansässigen Sängern treffen sich die incantantis im Anschluss an die Probe in der Grand Central Station für ein spontanes Ständchen. Einmal mehr gelang es uns, während dieser kurzen Zeit, zahlreiche Anwesende für einen Moment auf eine musikalische Reise zu entführen.

Weitere Informationen unter:
Mid America Music Concerts May 2016

Carnegie Hall Event New England Symphonic Ensemble

Uns stehen die Türen offen - Interview mit dem Mann in New York

BÜNDNER TAGBLATT: Herr Rohrbach, wie war das Reporterleben in New York?
CLAUDIO ROHRBACH: Anstrengend (lacht). Mir war vorher nicht bewusst gewesen, was das mit sich bringen würde. Unser Chor hatte einen engen Zeitplan, und für mich fielen jeden Tag zusätzlich zwei Stunden Zeitungsarbeit an.

BT: Die Zeitverschiebung im Blick zu behalten, war dabei recht knifflig.
CR: Genau. Eigentlich wollte ich den Bericht jeweils abends schreiben. Aber oft waren wir alle einfach  hundemüde vom Tag. So bin ich morgens früher als die anderen aufgestanden, um die Texte zu verfassen.

BT: Für die Zeitung «La Quotidiana» wurden die Artikel zudem übersetzt.
CR: Ja, das war lustig. Ich habe  geschrieben und jeden fertigen Absatz an Incantanti-Sängerin Nora Baltermia weitergereicht, die ihn sofort ins Rätoromanische übertragen hat. Wir haben funktioniert wie ein kleines mobiles Medienhaus.

BT: In Ihren Berichten haben Sie die US-amerikanische Gesangskultur erwähnt, die Sie und Ihre Bündner Mitsänger irritiert hat. Was war los?
CR: Amerikanische Chöre, insbesondere jene mit älteren Sängern, singen mit viel Vibrato auf praktisch  jedem Ton. Incantanti legt grossen Wert auf die Differenzierung – das fiel den Amerikanern offenbar  schwer.

BT: Beim Auftritt in der Carnegie Hall stand Incantanti während der Uraufführung von Ivo Antogninis
Werk «A Prayer For Mother Earth» gemeinsam mit drei US-Chören auf der Bühne. Hat Sie deren Singweise
nicht in den Wahnsinn getrieben?
CR: (lacht) Sagen wir so: Es war tatsächlich gewöhnungsbedürftig.

BT: Der Incantanti-Vorstand und Chordirigent Christian Klucker haben mit den New Yorker Impresarios Möglichkeiten einer weiteren Zusammenarbeit ausgelotet. Mit welchem Ergebnis?
CR: Im New Yorker Konzertleben läuft alles über das Geld. Uns stehen die Türen für weitere Konzerte offen – aber wir müssten sie selber finanzieren, Reisekosten inklusive. Für den Chor wohl nicht bezahlbar.

BT: Andere würden sich nach einem Carnegie-Hall-Konzert endgültig zur Ruhe setzen. Mehr geht ja nicht, oder?
CR: Der New-York-Auftritt war zwar ein Höhepunkt, aber nur ein Programmpunkt im laufenden Incantanti-
Jahr. Wir haben schon vor der Reise mit den Proben für unser nächstes Projekt begonnen: ein Konzert mit Chorwerken des Bündner Komponisten Benedetg Dolf –viele davon bisher unaufgeführt.

BT: Also zurück zu den Wurzeln?
CR: Wir haben unsere Bündner Wurzeln nie aus den Augen verloren.